Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen!

Das Motto unseres Jahreskongresses lautet diesmal „Kerngeschäft Unterricht!…?“ Diese ungewöhnliche und sicherlich nicht ganz korrekte Interpunktion am Ende des Mottos soll, wie Sie sich denken können, eine kleine Provokation darstellen. Ja, wir sollen und wir wollen uns gern und so gut wir es können auf unser Kerngeschäft konzentrieren, auf guten Unterricht, der gut vorbereitet wird und der intellektuell und pädagogisch fundiert gehalten wird, was selbstverständlich unsere Fortbildungsbereitschaft einschließt! Eben dieses Kerngeschäft, meine Damen und Herren, wird uns zunehmend erschwert. Lassen Sie mich die Gründe nennen:

Die Landesregierung mutet uns noch immer 25,5 Wochenstunden zu, zwei mehr etwa als den niedersächsischen Kolleginnen und Kollegen. Dieses umfangreiche Unterrichtsvolumen pädagogisch angemessen und fachlich ansprechend zu bewältigen, kommt beinahe einer Quadratur des Kreises gleich! Ist doch die Schülerschaft, die uns 25,5 Stunden ausgesetzt ist, nicht mehr die gleiche wie vor 20 oder auch nur vor zehn Jahren! Es war der politische Wille der Vorgängerregierungen, den Gymnasien eine sehr heterogene Schülerschaft zu bescheren, eine zwangsläufige Folge der Zweigliedrigkeit! Der Elternwille wurde zu einem fast ausschließlichen Kriterium für die Wahl der weiterführenden Schulart. Pädagogische und administrative Möglichkeiten, den Bildungsweg einer Schülerin oder eines Schülers im Nachhinein im Sinne des Kindes zu korrigieren, wurden extrem eingeschränkt, so dass wir es an den Gymnasien mit einem Begabungs- und Leistungsspektrum zu tun bekamen, dem wir mit noch so überlegter Binnendifferenzierung nicht mehr gerecht werden konnten.

Hinzu kam eine Verantwortung für die – von uns bejahte und gewollte – Integration von Kindern mit Migrationshintergrund.

Diese Aufgaben, meine Damen und Herren, können wir nicht mehr stemmen, wenn wir nicht entlastet werden! Ich appelliere an unsere Dienstherrin und an die Abgeordneten des Schleswig-Holsteinischen Landtags, diese Situation zu erkennen und sinnvolle Entlastungsmaßnahmen einzuleiten! Kurz und prägnant bedeutet dies:

– Runter mit dem Stundendeputat!

– Konferenzen und bürokratischer Aufwand auf den Prüfstand!

– Verbesserung der Teilzeitbedingungen!

– Senkung der Klassenfrequenzen!

Meine Damen und Herren, Verlässlichkeit und Vertrauen sind zwei Kategorien, ohne die der Öffentliche Dienst nicht auskommt. Und dabei denke ich nicht nur an uns Pädagoginnen und Pädagogen: Eine angemessene Alimentation, bundesweit vergleichbare Gehaltsbedingungen, eine Beihilferegelung, in der sich der Fürsorgegedanke des Staates widerspiegelt, darum muss es uns in unseren berufspolitischen Forderungen gehen!

Apropos Verlässlichkeit und Vertrauen… Mehr als zehn Jahre ist es her, als unser damaliger Ministerpräsident Peter-Harry Carstensen im Zuge einer in der Tat sehr prekären Haushaltssituation, von uns Beamten ein Opfer verlangte: Das Weihnachtsgeld, bis dahin schon reichlich abgeschmolzen und seit 1993 eingefroren, sollte gänzlich abgeschafft werden. Ein notwendiger Beitrag zur Haushaltskonsolidierung. Und damit die damaligen Große Koalition die Beamtenschaft nun nicht gänzlich gegen sich einnahm, kam die Zusage, die wir damals glaubten: In Zeiten einer besseren Haushaltslage wird die Sonderzahlung umgehend wieder eingeführt. Viele von uns haben darauf vertraut …

Wie waren wir naiv, meine Kolleginnen und Kollegen! Die öffentlichen Kassen sprudeln, zwölf von 16 Bundesländern zahlen ihren Beamten ein Weihnachtsgeld, Schleswig-Holstein tut es nicht. Die Finanzministerin in unserem Bundesland nimmt eine Betonposition ein und lässt sich auch durch den sanften Druck des Ministerpräsidenten und der Opposition nicht erweichen.

Meine Damen und Herren, warum werden wir nicht müde, diese Forderung nach Wiedereinführung der Sonderzahlung und nach Senkung des Stundendeputats zu erheben? Wir müssen dies in einem viel größeren Zusammenhang sehen. Die Bundesländer stehen in einem Wettbewerb, und Wettbewerb ist zunächst einmal etwas Positives! Unseren jungen hier gut ausgebildeten Lehrkräften kann man es nicht verdenken, wenn sie ihren Berufseinstieg auch unter materiellen Gesichtspunkten sehen. Und da hat das doch recht peripher gelegene Schleswig-Holstein einen Wettbewerbsnachteil, dessen Folgen wir jetzt noch gar nicht absehen können. Die aktuelle und heute Vormittag schon thematisierte Entwicklung im sogenannten Hamburger Speckgürtel zeigt dies aber schon jetzt: Es geht eine Sogwirkung von benachbarten Bundesländern aus, der sich gute und unabhängige junge Lehrkräfte nicht entziehen können!

Meine Damen und Herren, unser diesjähriger Jahreskongress hat, Sie haben es schon gemerkt, einen berufspolitischen Schwerpunkt. Lassen Sie mich dennoch wenigstens drei schulpolitische Arbeitsfelder ansprechen, die uns in diesem Jahr besonders am Herzen liegen, weil sie für unsere Schülerinnen und Schüler von entscheidender Bedeutung sind und für unsere Schulart Gymnasium im gegliederten Schulwesen allemal:

Nach mehr als einem Jahrzehnt Profiloberstufe muss es uns darum gehen, eine behutsame Reform einzuleiten, die die Balance wahrt zwischen anspruchsvoller Allgemeinbildung, wie sie die Kernfächer vermitteln, und einer Stärkung der Profile, in denen sich die Schülerneigungen, -interessen und –begabungen mehr als bisher wiederfinden. Darum muss es uns gehen, meine Kolleginnen und Kollegen, und daran werden wir die Anhörungsfassung, die uns die Ministerin vor den Osterferien zukommen lassen wird, messen!

Noch immer können wir mit der Entwicklung der Schülerströme zu den weiterführenden Schularten nicht zufrieden sein. In einigen Fällen muss es uns darum gehen, die getroffene Schullaufbahnentscheidung für ein Kind zu korrigieren. Das ist nicht Ausdruck einer elitären Attitüde, sondern allein dem Kindeswohl geschuldet. Unseren Schülerinnen und Schülern Vergeblichkeitserfahrungen zu ersparen, ist ein eminent pädagogisches Ziel, das nichts mit dem gehässig gemeinten Begriff der „Abschulung“ zu tun hat. Wir machen uns deswegen gegenüber Ministerin und Landtag stark für eine Regelung, die eine Schullaufbahnkorrektur im Interesse des Kindes in jeder Schulstufe ermöglicht, falls unzureichende Leistungen dies ratsam erscheinen lassen und sich der Besuch einer Gemeinschaftsschule als neue Chance anbietet! Nicht nur ich habe beim Grußwort der Ministerin heute Vormittag aufmerksam zugehört und wünschte mir, dass sich jede unserer Forderungen so schnell umsetzen ließe!

In einem demokratischen Gemeinwesen kommt dem Postulat der Gerechtigkeit eine besondere Bedeutung zu! Wir Lehrkräfte an den allgemeinbildenden Schulen in Schleswig-Holstein vergeben Schulabschlüsse und damit Lebenschancen! Dabei sind wir uns der Verantwortung gegenüber den jungen Menschen stets bewusst. Umso mehr bekümmert es uns, wenn die Kriterien, nach denen wir dies tun oder tun müssen, nicht auch die Kriterien sind, die offenbar an anderen Schulformen und in anderen Bundesländern gelten. Die hohe Abiturientenquote, der immer höhere Anteil von Abiturientinnen und Abiturienten, die ihre Hochschulberechtigung nicht aufgrund eines am allgemeinbildenden Gymnasium erzielten Abiturs erzielen, ist beunruhigend und führt uns zu einer zentralen Forderung: Schulabschlüsse müssen vergleichbar sein! Welche Vorschläge wir dazu im Einzelnen haben, wird mit den schulpolitisch Verantwortlichen zu diskutieren sein. Mit dem Ist-Zustand, meine Damen und Herren, werden wir uns jedenfalls nicht abfinden!

Ich komme zum Ende meiner kurzen Rede, die eigentlich nur dazu dient, die Festrednerin unserer heutigen Veranstaltung zu begrüßen. Wer könnte mit seiner theoretisch so fundierten bildungspolitischen Kompetenz und seinem Engagement für unsere Arbeitsbedingungen eine bessere Vertreterin für unsere Anliegen sein als unsere Bundesvorsitzende?!

Liebe Susanne Lin-Klitzing, Du hast das Wort … Vielen Dank!