Liebe Kolleginnen und Kollegen,
die meisten von Ihnen kennen mich. Viele hier im Saal haben mich in meiner Presse- und Öffentlichkeitsarbeit unterstützt oder begleitet – ob wohlwollend oder kritisch. Dafür danke ich herzlich!
Jetzt stehe ich hier in einer anderen Rolle vor Ihnen, nämlich als Kandidat. Die Schulgruppe des Thor-Heyerdahl-Gymnasiums in Kiel hat mich als Kandidaten für den Vorsitz unseres Verbandes nominiert. Hinzu kommt die deutliche Unterstützung unseres bisherigen Landesvorstandes!
Beides, meine Kolleginnen und Kollegen, hat mich gefreut, es hat mich bewegt, und es hat mich zu einer Selbstreflexion veranlasst:
– Kann ich diese Aufgabe erfüllen?
– Werde ich den Erwartungen, die mit meiner Person verknüpft sind, gerecht?
– Kann ich ein würdiger Nachfolger der Vorsitzenden Klaus-Dieter Heyden und Helmut Siegmon werden?
Beide haben in den vergangenen drei Jahrzehnten die Verbandsarbeit geprägt und für unsere Schulart gekämpft. Trotz großer Widerstände haben sie soviel für unsere Schulart erreicht.
Mein Respekt vor diesen beiden Vorsitzenden und vor ihren Kolleginnen und Kollegen im Landesvorstand ist gewaltig. Meine Entscheidung, die Herausforderung anzunehmen, wird genau davon bestimmt, und so sage ich – nach etlichen Überlegungen und langen Gesprächen – hier und heute in Rendsburg: Wir brauchen in unserem Verband Kontinuität und einen Neuanfang. Wir brauchen die Professionalität und den Sachverstand der Erfahrenen, und wir brauchen den Generationswechsel! Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich bin also bereit, das Amt des 1. Vorsitzenden zu übernehmen und bitte dafür um Ihr Vertrauen!

Bevor Sie mir das aber entgegen bringen können, schulde ich Ihnen eine kleine Vorstellung meiner Person, meiner Positionen und meiner Ziele: Ich bin 37 Jahre alt und mein Werdegang lässt sich wie folgt skizzieren:
– Abitur an der Hebbelschule in Kiel,
– Zivildienst beim Deutschen Roten Kreuz,
– Studium der Germanistik und der Geographie an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel,
– Referendariat am Gymnasium Wellingdorf in Kiel und
– seit 2009 Studienrat an der Alexander-von-Humboldt-Schule in Neumünster.
Meine Biographie wurde phasenweise dadurch etwas aufgelockert, als ich auf eigene Initiative drei längere Schulpraktika auf drei Kontinenten absolvierte. Von diesem Zugewinn an Erfahrung und Weltoffenheit profitiere ich noch heute…

Schon im Referendariat führte mich der Weg zu unserem, aber auch schnell in unseren Verband. Wenn man an derselben Schule tätig ist wie Walter Tetzloff, können Sie sich vorstellen, dass Anwerbeversuche nicht ausbleiben! Ich spielte mit, und der Rest ist schnell geschildert:
– Mitarbeit bei den Juphis,
– Mitglied im Bildungspolitischen Ausschuss,
– Leitung der Schulgruppe in Neumünster-Einfeld,
– bis mich im Jahr 2011 der Jahreskongress zum Referenten für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit wählte
Das war ein neues und ist ein wichtiges Betätigungsfeld: Die Darstellung unserer Verbandsziele in der Öffentlichkeit, also nach außen! Sechs Jahre später dann die perfekte Ergänzung: Ich rückte für Lothar Wilk in den Hauptpersonalrat nach. Jetzt stand nicht mehr allein die öffentliche Präsentation unseres Verbandes im Vordergrund, jetzt ging es auch um die Anliegen, die Wünsche, Sorgen und Nöte unserer Kolleginnen und Kollegen, ob sie nun unserem Verband angehörten oder nicht…

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn ich jetzt diese Erfahrungen zusammenbringen möchte und für das wichtigste Amt kandidiere, das unser Verband zu vergeben hat, dann kann dies nur gelingen, wenn ich auf eine Mitgliedschaft treffe, deren Interessen und Wünsche ich kenne und zur Grundlage meiner Arbeit mache,… wenn ich auf Schulgruppenvorsitzende treffe, die mir diese Interessen und Wünsche mitteilen, die mit Kritik an unserer Arbeit im Landesvorstand nicht sparen, … wenn ich Kolleginnen und Kollegen im Landesvorstand habe, auf die ich mich verlassen kann und, was noch wichtiger ist, die sich auf mich verlassen können! Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, dann entsteht der Teamgeist, den ich mir für unseren Verband wünsche. Dieser Teamgeist ist zugleich eine wichtige Voraussetzung für das, was wir in der kommenden dreijährigen Wahlperiode durchsetzen wollen: Lassen Sie mich mit den schul- und bildungspolitischen Zielen beginnen:
– Die Schulart Gymnasium hat nur dann eine Berechtigung, wenn sie sich von anderen Bildungswegen deutlich unterscheidet und ein eigenständiges, klar erkennbares Profil hat! Dies muss sich unterscheiden in Bezug auf die Lerninhalte, die Lernmethoden, die zu erreichenden Abschlüsse und nicht zuletzt in Bezug auf die Qualifikation der unterrichtenden Lehrkräfte!
– Damit verbinde ich gleich das zweite große Ziel: Der schleichenden Vereinheitlichung der Lehrerbildung in den ersten beiden Phasen muss entschieden entgegengewirkt werden (Stichwort Stufenlehrerausbildung, schulartunabhängige Ausbildungsinhalte). Dies, liebe Kolleginnen und Kollegen, ist das Thema unseres heutigen Kongresses, auch deswegen ist unsere neue Bundesvorsitzende hier. Es gibt keine kompetentere Expertin in Sachen Lehrerbildung.
– Die beiden genannten Ziele verlangen, ob dies nun allen Beteiligten gefällt oder nicht, eine stärkere Steuerung der Schülerströme nicht nur nach Klasse 4. Dieser Verband bekannt sich, und daran wird sich auch nicht ändern, zum Elternrecht! Daneben gibt es aber auch ein Recht des Kindes, des jungen Menschen, auf ein ihm angemessenes Bildungsangebot! Und es ist geradezu unsere pädagogische Pflicht, den Kindern und Jugendlichen in Schleswig-Holstein Vergeblichkeitserfahrungen infolge Überforderung zu ersparen!

Liebe Kolleginnen und Kollegen, helfen Sie uns bei der Umsetzung unserer gemeinsamen Ziele! Die Zusammensetzung der Landesregierung unter Daniel Günther und mit Karin Prien erlaubt uns vorsichtigen Optimismus!

Genauso wichtig wie unsere schulpolitischen Ziele ist unser gewerkschaftlicher Kampf für angemessene Arbeitsbedingungen:
– Hier muss unser Eintreten für eine spürbare Senkung der Arbeitszeit Priorität haben! 25,5 Wochenstunden sind eine Zumutung für Kolleginnen und Kollegen, die ihre pädagogische Verantwortung ernst nehmen… und die gesund bleiben wollen!
– In Fragen der Besoldung eilen uns die meisten anderen Bundesländer davon. Seit Einführung der Besoldungshoheit der Länder hinkt Schleswig-Holstein hinterher, in Gehaltsfragen, bei Sonderzahlungen, beim Weihnachtsgeld! Sorgen wir gemeinsam dafür, dass uns unser Dienstherr wieder mehr Wertschätzung entgegenbringt, und sorgen wir dafür, dass uns junge Kolleginnen und Kollegen nicht davonlaufen und ihre berufliche Zukunft dort suchen, wo sie deutlich attraktivere Rahmen-Bedingungen vorfinden!
– Flexiblere Alterszeitregelungen: Auch sie sind das Gebot der Stunde. Hier kann Schleswig-Holstein von anderen Bundesländern lernen! In Zusammenarbeit mit unseren Dachorganisationen haben wir die Chance auf Veränderungen. Kämpfen wir auch hier gemeinsam!

Zu einer Kandidatenvorstellung gehört auch ein Blick auf unsere Verbandsstruktur: Liebe Kolleginnen und Kollegen, es muss uns in der nächsten Zeit gelingen, mehr und engagierte junge Lehrerinnen und Lehrer für unseren Verband zu gewinnen. Auch wenn die Mitgliederentwicklung bei uns im Philologenverband bei weitem nicht so dramatisch ist, wie es die beiden – wenn man sie denn noch so nennen kann – Volksparteien derzeit erleben, wir müssen uns um unseren Nachwuchs kümmern, und wir müssen ebenso erfahrene Kolleginnen und Kollegen ansprechen und gewinnen, nämlich die, die den Weg zu uns, die den Weg in unseren Verband, noch nicht gefunden haben.
Hier ist Überzeugungsarbeit gefragt. Helfen Sie uns dabei! Helfen Sie mir dabei! Gemeinsam kann uns das gelingen!
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich danke Ihnen fürs Zuhören und bitte Sie um Ihr Vertrauen! Vielen Dank!
Jens Finger